Bildung in Zeiten von Corona

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  • #2309 Antworten
    Petra Zanker
    Verwalter

    Die Schließungen haben zu einer massiven Verstärkung der Ungleichheit im Bildungsbereich sowie zu psychischen und sozialen Dauerbelastungen unserer Kinder und Jugendlichen, sowie der mitleidenden Eltern geführt.

    Es ist höchste Zeit, über Alternativen zu Schulschließungen nachzudenken: Unterricht im Freien, Abwechslung zwischen Fabrik- und Schulschließungen usw., zumal inzwischen viele Lehrer*innen geimpft sind und an den Schulen getestet wird. Vor allem ist nicht einzusehen, warum sich Bayern nicht an die nun beschlossenen bundesweiten Regeln hält, durch die ja gerade Einheitlichkeit erreicht werden sollte. Die bayerischen Schüler*innen und Student*innen sollten nicht schlechter gestellt werden als im Rest von Deutschland.

    Wie der renommierte Bildungsforscher Professor Klaus Zierer an der Universität Augsburg schon in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen am 21.01.2021 feststellte, haben Kinder in unserer Gesellschaft nicht die höchste Priorität. Dabei sind sie die Zukunft der Gesellschaft, also alles.

    Und die Bedürfnisse unserer Kinder, insbesondere der kleinen, bleiben gerade in einem extremen Maße unerfüllt: Bewegung und Begegnung, direkter Kontakt mit Pädagogen und Kameraden, vielfältige Betätigung aller Sinne, gemeinsames Spiel, neugieriges gemeinsames Erforschen der Umgebung. Lernen und Entwicklung im weitesten Sinne.

    Der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther zeigte sich am 24. Januar im Deutschlandradio sehr besorgt, weil die längerfristige Unterdrückung von Bedürfnissen – und 1 Jahr dauert für ein siebenjähriges Kind so lange, wie 10 Jahre für einen siebzigjährigen Erwachsenen – das Gehirn verändert. Das Motivationszentrum im Gehirn wird durch hemmende Verschaltungen regelrecht eingekapselt, so dass das Bedürfnis nicht mehr spürbar ist. Aber auf Dauer gehen die Bedürfnisse selbst verloren, beispielsweise nach Bewegung und Körperkontakt. Und das sei nicht ohne weiteres reparabel.

    Am 01.02.2021 kam in der NZZ die Professorin Caroline Klaver, Spezialistin für Genetische Epidemiologie und Augenkrankheiten zur Quarantäne-Mijopie zu Wort. Sie berichtete über Studien, die eine Verschlechterung der Sehkraft um 0,3 Dioptrin nach einem halben Jahr Lockdown in der Alterstufe der 6 – 8 jährigen nachweisen, mit großem Erblindungsrisiko im Alter auf Grund des unnatürlichen Längenwachstums des kindlichen Auges.

    Ein weiterer Aspekt wurde immer wieder und von vielen betont, wodurch sich seine Relevanz ja nicht verringert: der Lockdown vergrößert die Ungleichheit. Kinder von Geflüchteten oder von anderen Zugezogenen benötigen das Bad in der lebendigen Sprache, um sich sprachlich weiterentwickeln und integrieren zu können, zudem hapert der Distanzunterricht nicht nur an fehlender Hard- und Software, sondern eben auch an den Sprachbarrieren, die bei direkter Einwirkung der Lehrerpersönlichkeit viel weniger ins Gewicht fallen. Es gibt Familien, die können sich private Nachhilfelehrer engagieren oder ihre Kinder selbst zu Hause fördern, die Regel ist das aber nicht. Wenn mehrere Kinder gleichzeitig Hilfe brauchen und das neben dem Homeoffice, entstehen Belastungssituationen, die nach so langer Zeit dringend beendet werden müssen. In vielen Elternhäusern gibt es auch gar nicht für alle die notwendige räumliche Rückzugsmöglichkeit für sinnvolles Lernen. Was Deutschland schon immer von der OSZE vorgeworfen wird, nämlich dass der Bildungserfolg so stark wie nirgendwo anders von der sozialen Herkunft der Kinder abhängt, wird durch die aktuelle Anti-Covid-Strategie in unerträglicher Weise verschärft.

    Zu Recht weist Gerald Hüther auch darauf hin, dass vom Online-Unterricht solche Kinder etwas haben, die von sich aus wiss- und lernbegierig sind. Viele Kinder verfügen aber nicht über diese Voraussetzung. Solche Kinder brauchen den direkten Kontakt zu einer engagierten Lehrerpersönlichkeit, die ihnen hilft, Interesse zu entwickeln. Sie können sich am Bildschirm oft nicht konzentrieren und finden keinen Zugang, davon abgesehen, dass es nicht kindgerecht ist, wenn schon kleine Kinder Stunden vor dem Bildschirm verbringen.

    Zum Schutze der physischen Gesundheit gefährden wir gerade die seelische Gesundheit so vieler – mit unabsehbaren Folgen.

    Es braucht einen runden Tisch aus Eltern, Pädagogen, Psychologen, Gesundheitsamt, Verwaltung und Politik um Strategien zu finden, wie die Gesundheit gefährdeter Menschen geschützt und gleichzeitig die langfristige Gesundheit und die Grundrechte unserer Kinder gewährleistet werden können! Sofort!

    Isabella Geier

     

    #2316 Antworten
    Petra Zanker
    Verwalter

    Wenn ich mich beim Fußballspielen verletze, besorge ich mir Krücken. Wenn die Verletzung wieder abgeklungen ist, stelle ich die Krücken in den Keller. Genau so müsste aus meiner Sicht ein richtiger Umgang mit digitalen Medien in und nach Coronazeiten aussehen.

    Warum?

    Ganz generell zunächst einmal deshalb, weil Lernen die persönliche Begegnung von Menschen (SchülerInnen und LehrerInnen), an denen man sich z.B. reiben kann, erfordert und weil Lernen ein ganzheitlicher Akt ist, bei dem u.a. motorisch Erlerntes sich im Gehirn abspeichert, was beim Tippen in Digitalmedien nur zu einem sehr geringen Teil passiert.

    Darüber hinaus aber sollte man, wenn man das Thema ganzheitlich -gerade auch im Sinne der Nachhaltigkeit- angehen möchte, auch auf folgende Aspekte Antworten haben:

    1. Wie hoch sind die durch die Digitalisierung des Unterrichtsbetriebes entstehenden Energiemengen (natürlich auch im Unterschied zum analogen Unterricht)? Wie hoch ist also der Ressourcenverbrauch durch den digitalen Unterricht?

    2. Ist es verantwortbar, bei der Digitalisierung v.a. auf WLAN statt auf kabelgebundenen Systemne zu setzen und damit die Schulfamilien am „Arbeitsplatz“ einer hohen Strahlung auszusetzen? Stimmen die Digitalisierungskonzepte an unseren Schulen in diesem Punkt?

    3. Ist es richtig, bei der Digitalisierung des Unterrichts sich in die Abhängigkeit der großen amerikanischen Weltkonzerne zu begeben, die hier bei uns nicht einmal angemessen Steuern zahlen? Wenn diese Konzerne über ihre Partnerfirmen Spenden an Schulen vornehmen, ist das in gewisser Weise skuril, denn würden sie ihre Steuern zahlen, hätte der Staat auch andere Möglichkeiten, Schulen bzw. die Schulfamilien digital auszustatten.

    4. Wie ist es bei der derzeitigen Praxis digitalen Unterrichts um den Datenschutz bestellt? Wenn ich mir vorstelle, dass in den USA die europäische Datenschutzgrundverordnung nicht zur Anwendung kommt und ich gleichzeitig sehe, welche Informationen über einzelne Schüler ich etwa in Teams einspeise, dann wird es mir da doch recht mulmig.

    Das BB ist Teil der Lokalen Agenda. Die Lokale Agenda hat im Zusammenwirken mit der Stadt Augsburg 4 Säulen der Nachhaltigkeit (Ökologie, Soziales, Ökonomie und Kultur) benannt. Das BB partiziert an diesem Nachhaltigkeitsprozes und muss also neben seinem Kernthema „Bildung“ auch Aspekte wie „Klimaschutz“ etc. auf dem Radar haben. Von daher sollten wir die von mir aufgeworfenen Fragen mit bedenken.

    Es grüßt euch

    Peter Biet

    #2319 Antworten
    Stephanie Schmitt-Bosslet
    Gast

    Vielen Dank für die anregende Auseinandersetzung zu diesen Themen.

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Antwort auf: Antwort #2319 in Bildung in Zeiten von Corona
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